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| Book | MZJ-2026-00429 |
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1988
Verlag Bettina Wassmann
Bremen
ISBN: 3-926182-04-0
Abstract: Es handelt sich bei dem Text um die gedruckte Laudatio, die der Soziologe Oskar Negt am 5. Februar 1988 an der Universität Bremen hielt, als man dem damals 89-jährigen Alfred Sohn-Rethel die Ehrendoktorwürde verlieh. Oskar Negt würdigt Sohn-Rethel nicht als jemanden, der mit gigantischen, abstrakten Systemen oder starren Bauplänen hantiert. Stattdessen beschreibt er ihn bewundernd als einen intellektuellen Handwerker. Er betont, wie behutsam und detailversessen Sohn-Rethel über Jahrzehnte hinweg seine Begriffe, Kategorien und das historische Wissen dreht, wendet und schleift, bis sie im lebendigen Arbeitsprozess eine präzise Form annehmen. Negt blickt in der Rede auf die bewegte und oft schmerzhafte Lebensgeschichte Sohn-Rethels zurück. Dieser stand zeit seines Lebens im Abseits der etablierten akademischen Institutionen: Distanz zur Frankfurter Schule u. Exil und späte Anerkennung. Negt bettet Sohn-Rethels Theorie der Realabstraktion in den zeithistorischen Kontext der späten 1980er-Jahre ein. Er nutzt die Laudatio für das Argument, dass wir Sohn-Rethels radikalen Blick auf die Trennung von geistiger und körperlicher Arbeit dringend brauchen, um die Verdinglichung und Entfremdung in der modernen, technisierten Gesellschaft zu durchschauen. Die Verleihung des Ehrendoktortitels wird in Negts Worten zu einer späten, aber umso wichtigeren Wiedergutmachung der Universitätslandschaft an einem großen Denker. Alfred Sohn-Rethel (1899–1990) war ein bedeutender deutscher Nationalökonom und Sozialphilosoph. Er wird im weitesten Sinne der Kritischen Theorie (Frankfurter Schule) zugerechnet, nahm dort aber eine eigenwillige Sonderrolle ein. Sein Lebenswerk ist das Buch „Geistige und körperliche Arbeit“ (1970). Darin begründete er die Theorie der „Realabstraktion“. Er argumentierte, dass das abstrakte, logische Denken der modernen Wissenschaft historisch erst durch den Tausch von Waren und Geld im Kapitalismus entstanden ist. Er verbrachte seine späten Jahre in Bremen. Im Jahr 1984 heiratete er die Verlegerin Bettina Wassmann. Ihr Verlag wurde damit auch zu einer wichtigen Pflegestätte für seine Schriften und die dazugehörigen Freundeskreise. Die Realabstraktion ist Alfred Sohn-Rethels wichtigster philosophischer Beitrag. Er erklärt damit, dass abstraktes Denken nicht im menschlichen Kopf entsteht, sondern durch unser tatsächliches Handeln beim alltäglichen Tausch von Waren. Sohn-Rethel behauptet, dass die Begrifflichkeiten der modernen Naturwissenschaften (wie Zeit, Raum, Substanz und mathematische Logik) exakte Kopien der Strukturen des Warentauschs sind. Ohne die Erfindung des Geldes und den kapitalistischen Markt hätte das menschliche Gehirn laut ihm niemals gelernt, rein abstrakt, logisch und mathematisch zu denken. Er suchte jahrelang Anschluss an Max Horkheimer und Theodor W. Adorno. Max Horkheimer hielt Sohn-Rethels erkenntnistheoretische Herleitungen jedoch für „unendlich ermüdend und uninteressant“. Nach seiner Emigration und Jahren der Isolation gelang ihm erst ab 1970 der Durchbruch im Suhrkamp Verlag, gefolgt von einer späten Professur im Pensionsalter in Bremen. Negt würdigt diesen extremen Eigensinn und den Mut, trotz jahrzehntelanger Ablehnung stur an einer einzigen, radikalen Idee – der Realabstraktion – weiterzuarbeiten
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